Die Deportation nach Gurs

Filmaufnahmen aus Bruchsal vom 22. Oktober 1940


 

Die Deportation im Landkreis Bruchsal

Von der Deportation existieren ein von den Nazis angelegtes Verzeichnis der Deportieren und eben diese zuvor vorgestellte ca. 1-minütige Filmsequenz mit dem Titel "Bruchsal judenfrei! Die letzten Juden verlassen Bruchsal", die die Deportation beim Bruchsaler Bahnhof zeigt. Die Menschen eilen, bewacht von Polizeibeamten, an den Bruchsaler Güterhallen vorbei zu den Gleisen, wo der Sonderzug, bestehend aus heruntergekommenen Waggons der vierten Klasse, aus Heidelberg kommend, die Menschen zur nächsten Zusteigestation Karlsruhe bringen soll. Dies ist übrigens die deutschlandweit einzige Aufnahme, die in bewegten (und bewegenden) Bildern die Deportation der Juden aus Südwestdeutschland nach Gurs zeigt.


"Beim Abtransport der Juden hatte ich gerade Dienst auf dem Bahnhof. Ich sah, wie ein SA-Mann in Uniform einem jüdischen Mann einen Fußtritt versetzte. Ich sah auch einige Frauen, die vor den Juden ausspuckten. Ich sah aber auch Frauen, die vor Entsetzen über diese Schandtaten weinten."

Hans Schmitt, Bruchsal

   

"Man hat sie die Treppen hinuntergestoßen, angerempelt und angespuckt. Es war schrecklich zuzuschauen. Es waren Bruchsaler SA-Leute in Uniform."

Josef Doll, Bahnbeamter


Der Östringer Hans Dollinger hat den Abtransport der Juden aus seinem Ort miterleben müssen:

"In unserem Marktflecken wohnten nur noch zwei Personen mosaischen Glaubens, ein Geschwisterpaar namens Ludwig und Malchen (Amalie) Wolf, die auf Befehl der Partei bzw. der Gestapo die Vornamen "Israel" und "Sarah"  in ihren Pass gestempelt bekamen. Es ist mir nie so richtig gelungen, gegen Ludwig Wolf Gefühle des Hasses zu entfalten, obgleich ich damals bereits meine "Führerkarriere" im DJ (Deutschen Jungvolk) beginnen 'durfte'. Ludwig Wolf war 1914 als Kriegsfreiwilliger für Kaiser und Vaterland in den Ersten Weltkrieg gezogen und mit verschiedenen Tapferkeits- und Verdienstauszeichnungen wieder heimgekehrt. Aber auch für ehemalige Frontkämpfer jüdischen Glaubens gab es keine 'Gnade', obwohl er dem SA/SS-Kommando, das ihn abholte, flehend beteuerte: 'Lassen Sie mich doch bitte in Ruhe; ich bin doch auch kein schlechterer Deutscher als Sie es sind!'. Er musste mit seiner nervenkranken Schwester den LKW besteigen, auf dem schon einige Juden aus den Nachbardörfern waren. Unser Englisch-Lehrer, Professor D. aus Bruchsal, der auch Kreisredner der NSDAP war, verkündete dann am nächsten Tag in der Englisch-Stunde grinsend: 'Alle Juden in unserem Gau wurden gestern nach Südfrankreich abgeschoben, damit dieses arbeitsscheue Gesindel endlich einmal schaffen lernt.'"

Aus: Hans Dollinger: Kain, wo ist dein Bruder? 1983, S. 66


Wie die Deportation in Bruchsal vonstatten ging, berichtete die Bruchsalerin Rosa Spohrer, die langjährige Putzfrau der Familie Westheimer. Adelheid, Frieda und Kurt Westheimer mussten ihre Wohnung in der Schwimmbadstraße 27 räumen und in den Bahnhofplatz  7 umziehen zum Ehepaar Samuel und Marie Katzauer sowie Betty Marx. Bei diesem Umzug half Rosa Spohrer und berichtete 1954 vom Tag der "plötzlichen Abholung". Sie eilte früh morgens zur Wohnung der Westheimers, um sich zu verabschieden:

"Sie waren aber bereits nach dem Bürgerhof in Bruchsal verbracht und die Wohnung von einem inzwischen verstorbenen Polizeibeamten, Kohl, besetzt. Herr Kohl bestätigte mir, dass die Sachen noch alle vorhanden seien, jedoch er mich nicht mehr in die Wohnung gehen lassen dürfe. Was mit dem Eigentum der Familie Westheimer geschehen ist, kann ich nicht sagen, jedoch wurde meines Wissens das ganze Judenvermögen versteigert. [...] Westheimers waren gute, ehrliche, hilfsbereite Leute."


Edith Leuchter, geborene Löb, berichtete, dass am 22. Oktober 1940 in der Frühe zwei Polizisten kamen und der Familie mitteilten, sie sollten auf die Schnelle ihre Koffer packen. Die Familie musste den Polizisten zum Bahnhof folgen ohne eine Ahnung zu haben, wohin die Reise gehen könnte.


Hannelore Kolb, geborene Wildmann, aus Philippsburg, berichtete, dass die Philippsburger Jüdinnen und Juden auf Laster geladen und nach Bruchsal gebracht wurden.


Die Bruchsaler Zeitzeugin Klara Krotz berichtete:

"Es muss 1941 [richtig ist 1940] gewesen sein, als eines Tages meine Verwandte zu mir herauf in den 3. Stock kam und ganz erschüttert sagte: 'Sie holen die Wolfs ab'. Wir gingen dann in den ersten Stock hinunter und schauten hinter den Fenstervorhängen hinaus. Ich sah gerade noch, wie Frau Wolf in einen Lastwagen steigen musste. Sie hatte nur eine kleine Pappschachtel bei sich, sonst nichts. Ihr Mann und der Sohn Richard, damals 14 Jahre alt, müssen schon im Lastwagen gewesen sein. Mir hat das einen solchen Schock versetzt, dass ich mich bei allem Bemühen nicht erinnern kann, ob Polizeibeamte oder SA-Leute dabei waren. Ich meine aber, mich an braune Uniformen erinnern zu können." 


Die Organisation der Abschiebeaktion lag in den Händen der Gestapo. Für Bruchsal und Umgebung war deren Karlsruher Zentrale zuständig, dort wurden die Abholkommandos losgeschicht, die dann zusammen mit der örtlichen Polizei die Verhaftungen vornahmen. Von Bruchsal aus ging die Fahrt des Sonderzuges mit jüdischen Deutschen zum Karlsruher Hauptbahnhof, den die Nazis zum Sammelbahnhof für die Region zwischen Bühl, Pforzheim und Bruchsal bestimmt hatten.


Unter Verwendung von Auszügen aus den Büchern: "Jürgen Stude, Geschichte der Juden in Bruchsal" und "Anton Heuchemer, Zeit der Drangsal".


Erst vor wenigen Jahren tauchten Fotos auf, die Recha und Fritz Sicher sowie Adelheid Heß in der Prinz-Wilhelm-Straße auf dem Weg zum Bahnhof zeigen. Zwei weitere Personen auf dem Foto konnten bis jetzt noch nicht identifiziert werden.